Notvorräte anlegen: So bereiten sich immer mehr vor

Ein Stromausfall, der drei Tage dauert. Ein Wintersturm, der Supermärkte leerfegt. Eine Wasserleitung, die nach einem Rohrbruch tagelang gesperrt bleibt. Szenarien, die sich abstrakt anfühlen, bis sie eintreten. In Deutschland wächst die Zahl der Menschen, die sich genau für solche Situationen wappnen, spürbar. Das hat wenig mit Prepping-Klischees aus dem amerikanischen Fernsehen zu tun und viel mit nüchternem Alltagsdenken.

Zahlen, die aufhorchen lassen

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, kurz BBK, empfiehlt seit Jahren, mindestens Vorräte für zehn Tage zu Hause zu haben. Lange hat das kaum jemand ernst genommen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022, der Energiekrise im Herbst desselben Jahres und mehreren regionalen Überflutungskatastrophen hat sich das Bild verschoben. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey aus dem Jahr 2023 ergab, dass rund 43 Prozent der Deutschen mittlerweile bewusst Vorräte für Krisenlagen anlegen. Zum Vergleich: 2019 lag dieser Wert noch unter 25 Prozent.

Besonders auffällig ist die Verschiebung in der Altersgruppe zwischen 30 und 49 Jahren. Junge Familien, Menschen mit Kindern, Haushalte auf dem Land, wo die nächste Einkaufsmöglichkeit ohnehin weiter entfernt ist. Sie alle zeigen laut Verbraucherdaten der deutschen Lebensmittelhändler ein verändertes Kaufverhalten. Haltbare Lebensmittel, Wasserkanister, Campingkocher, Kerzen. Produkte, die früher Nischenangebote waren, füllen inzwischen ganze Regale in Baumärkten und Discountern.

Was in einem sinnvollen Notvorrat steckt

Das BBK listet konkrete Richtwerte. Pro Person und Woche werden empfohlen: 3,5 Kilogramm Getreideprodukte und Brot, 4,4 Kilogramm Obst und Gemüse, 2,1 Kilogramm Hülsenfrüchte und Nüsse, 1,5 Kilogramm Fleisch, Fisch und Eier sowie 14 Liter Trinkwasser. Wer das hochrechnet, merkt schnell: Ein Notvorrat für vier Personen und zehn Tage füllt mehr als eine Küchenschublade.

Praktisch gedacht beginnt man nicht mit einem großen Einkauf, sondern mit einem einfachen Prinzip: Was man regelmäßig isst, kauft man in doppelter Menge und rotiert den Bestand. Konserven mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum von zwei bis fünf Jahren eignen sich gut, ebenso vakuumverpackte Linsen, Reis oder Haferflocken. Wer sich fragt, wie man Notnahrung selber machen kann, findet in entsprechenden Ratgebern handfeste Antworten, etwa wie man Notnahrung selber machen und lagern kann, ohne auf teure Fertigpakete angewiesen zu sein. Viele Grundzutaten kosten wenig und halten trotzdem Jahre.

Die psychologische Seite der Vorsorge

Es gibt einen Begriff, den Psychologen in diesem Zusammenhang häufig verwenden: Kontrollüberzeugung. Menschen, die das Gefühl haben, zumindest teilweise auf Krisen vorbereitet zu sein, berichten von deutlich geringerem Stresserleben in tatsächlichen Ausnahmesituationen. Das ist kein esoterisches Konzept. Studien nach dem Hurrikan Katrina in den USA zeigten, dass Haushalte mit einem Grundvorrat an Nahrung und Wasser im Schnitt drei Tage länger ohne externe Hilfe auskamen und dabei deutlich weniger Panikkäufe tätigten.

In Deutschland liefert das Hochwasser im Ahrtal 2021 ein regionales Beispiel. Betroffene, die zufällig größere Vorräte hatten, konnten Nachbarn mitversorgen, während der Katastrophenschutz in den ersten 72 Stunden kaum präsent war. Nicht weil er versagte, sondern weil diese erste Phase bei Naturkatastrophen strukturell kaum abzudecken ist. Helfen begann also im Eigenhaushalt.

Typische Fehler beim Anlegen von Vorräten

Wer anfängt, macht oft ähnliche Fehler. Die häufigsten:

  • Zu viel auf einmal kaufen: Ein Spontankauf von 50 Konserven, die dann vergessen werden und ablaufen, hilft niemandem.
  • Falsche Lagerung: Hülsenfrüchte und Getreide gehören in luftdichte, lichtgeschützte Behälter. Plastikbeutel aus dem Supermarkt taugen dafür nicht.
  • Wasser unterschätzen: Viele kaufen Essen, vergessen aber, dass Trinkwasser das kritischste Gut ist. Bereits nach drei Tagen ohne Wasser wird es lebensbedrohlich.
  • Keine Rotation: Vorräte müssen regelmäßig aufgebraucht und erneuert werden. Ein Haltbarkeitsdatum ist kein Freifahrtschein für das Vergessen.
  • Kein Konzept für Zubereitung: Wer Linsen lagert, aber keinen Campingkocher hat, steht bei einem Stromausfall vor einem Problem.

Was ein Basisset kosten darf

Preislich ist Vorsorge erschwinglich, wenn man es strukturiert angeht. Die folgende Übersicht gibt einen realistischen Anhaltspunkt für einen Einpersonenhaushalt mit Vorrat für zwei Wochen:

Kategorie Beispiel Geschätzte Kosten
Trinkwasser 20 Liter Kanister 8 bis 15 Euro
Getreide und Hülsenfrüchte Reis, Linsen, Haferflocken 15 bis 25 Euro
Konserven Tomaten, Bohnen, Fisch 20 bis 35 Euro
Kochausrüstung Campingkocher und Gaskartusche 30 bis 60 Euro
Diverses Kerzen, Taschenlampe, Erste Hilfe 20 bis 40 Euro

Wer 100 bis 150 Euro investiert und gezielt kauft, hat innerhalb weniger Wochen eine solide Basis. Das ist kein Luxus, sondern vergleichbar mit einer Haushaltsversicherung.

Vorsorge ohne Weltuntergangsstimmung

Der vielleicht wichtigste Gedanke: Krisenvorsorge muss keine Angststimmung erzeugen. Wer einen Erste-Hilfe-Kasten im Auto hat, ist auch kein Unfallfanatiker. Wer eine Reiserücktrittsversicherung abschließt, rechnet auch nicht fest mit Krankheit. Vorräte im Keller oder in der Speisekammer sind schlicht eine pragmatische Entscheidung, die in Ländern wie der Schweiz oder Finnland seit Jahrzehnten ganz selbstverständlich zum Haushaltsmanagement gehört.

In Finnland etwa hat der staatlich empfohlene Vorrat eine lange Tradition. Fast 80 Prozent der finnischen Haushalte haben laut nationaler Statistik Lebensmittelvorräte für mindestens eine Woche. Das Land gilt in Fragen der Bevölkerungsresilienz als europäisches Vorbild, nicht weil die Finnen ängstlicher sind, sondern weil Vorsorge dort kulturell verankert ist.

Deutschland bewegt sich langsam in eine ähnliche Richtung. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie man anfängt. Und die Antwort darauf ist weniger kompliziert, als sie zunächst erscheint: mit einem Zettel, einem Einkaufsgang und etwas Platz im Regal.

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