Extremadura: Reisen wo die Geschichte langsam geht

Wer in Spanien an Urlaub denkt, landet gedanklich meistens in Barcelona, auf Mallorca oder an der Costa del Sol. Die Extremadura kommt dabei selten vor. Das ist kein Fehler des Marketings, sondern fast schon Programm. Die Region im Südwesten des Landes, eingeklemmt zwischen Portugal und den kastilischen Hochebenen, hat sich dem Massentourismus nie wirklich geöffnet. Und das merkt man, sobald man dort ankommt.

Eine Landschaft, die nichts beschönigt

Die Extremadura umfasst knapp 42.000 Quadratkilometer, wird aber nur von etwa einer Million Menschen bewohnt. Die Bevölkerungsdichte gehört damit zu den niedrigsten in der gesamten Europäischen Union. Das spürt man. Zwischen Cáceres und Mérida fahren Landstraßen durch Dehesas, jene alten Weidelandschaften mit weit verstreuten Steineichen und Korkeichen, unter denen Iberische Schweine nach Eicheln suchen. Der Boden ist rötlich-braun, das Licht im Sommer fast aggressiv weiß, und die Weite hat nichts Einladendes im touristischen Sinn. Sie ist einfach da.

Diese Landschaft ist kein Naturschauspiel, das man von einer Aussichtsplattform aus betrachtet. Sie verlangt, dass man sich hineinbegibt. Wer das nicht gewohnt ist, wird vielleicht enttäuscht. Wer es zulässt, kommt mit einem anderen Verhältnis zur Zeit zurück.

Mérida: Eine Stadt, die älter ist als ihre eigene Geschichte

Mérida wurde 25 vor Christus als Augusta Emerita gegründet, als Versorgungsstadt für ausgediente römische Legionäre. Heute leben dort rund 60.000 Menschen, und das Römische Theater, das nach einer Restaurierung im 20. Jahrhundert wieder bespielt wird, fasst bis zu 6.000 Zuschauer. Im Sommer finden dort Aufführungen im Rahmen des internationalen Theaterfestivals statt, das seit 1933 besteht und zu den ältesten Freilichtfestivals Europas zählt.

Was Mérida von anderen antiken Stätten unterscheidet, ist die Selbstverständlichkeit, mit der die Überreste ins Stadtbild eingebettet sind. Der Aquädukt der Wunder führt direkt durch Wohnquartiere. Die Reste des Amphitheaters liegen keine 200 Meter vom Stadtmarkt entfernt. Man braucht kein Ticket, um daran vorbeizulaufen. Das ist keine Nachlässigkeit, sondern Haltung: Die Antike gehört hier einfach dazu.

Cáceres und der Blick von oben

Wer von Mérida aus weiter nach Norden fährt, erreicht nach etwa 70 Kilometern Cáceres. Die Altstadt steht seit 1986 auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste und ist tatsächlich bemerkenswert gut erhalten. Türme aus dem 14. und 15. Jahrhundert stehen nebeneinander, als hätte jemand die mittelalterliche Adelskonkurrenz eingefroren. Wer damals als Familie in Cáceres Einfluss hatte, baute nach oben. Die Türme waren Statussymbol und Festung zugleich.

Heute ist die Altstadt zu großen Teilen unbewohnt, zumindest in den oberen Geschossen der alten Palazzi. Am Abend, wenn die Tagestouristen aus den Bussen wieder verschwunden sind, gehört das Pflaster fast ausschließlich den eigenen Schritten. Das ist ein seltsames Gefühl, das man selten in einem UNESCO-Welterbe hat.

Was die Region über sich selbst erzählt

Die Extremadura ist die Heimat vieler spanischer Conquistadoren. Hernán Cortés stammte aus Medellín, Francisco Pizarro aus Trujillo, Hernando de Soto aus Barcarrota. Das ist kein zufälliger Zufall. Die Region war arm, der Boden karg, die Möglichkeiten begrenzt. Wer konnte, zog nach Übersee. Das Vermögen, das einige von dort mitbrachten, steckt buchstäblich in den Fassaden von Trujillo: Der Palast der Pizarros, der auf der Hauptplatza steht, wurde aus peruanischem Gold finanziert.

Wer sich tiefer mit der Geschichte der Region beschäftigen möchte, findet im Extremadura-Lexikon eine strukturierte Sammlung geografischer, historischer und kultureller Hintergründe, die über das hinauszugehen, was Reiseführer üblicherweise abdecken. Die Verbindung zwischen der Armut der Region und dem Antrieb ihrer berühmtesten Söhne ist ein Kapitel, das man so schnell nicht vergisst.

Das Tempo ist kein Mangel

Wer die Extremadura mit der Erwartungshaltung bereist, dass abends immer etwas los ist, wird Probleme bekommen. Kleinere Orte wie Zafra, Jerez de los Caballeros oder Guadalupe haben Restaurants, die mittags für zwei Stunden öffnen, nachmittags schließen und abends vielleicht wieder aufmachen, wenn die Familie des Besitzers Lust hat. Das klingt dramatischer als es ist. Aber es verlangt eine Anpassung.

Diese Anpassung ist keine Einschränkung, wenn man sich darauf einlässt. Das Mittagessen dauert dann tatsächlich zwei Stunden. Der Kaffee danach kommt ohne Eile. Die Siesta ist keine folkloristische Attraktion, sondern gelebte Vernunft in einem Klima, das im Juli leicht 40 Grad erreicht. Man isst, trinkt, redet, und wartet, bis die Sonne nachlässt. Das ist keine Rückständigkeit. Das ist Erfahrung.

Guadalupe und das Schweigen der Berge

Das Kloster von Guadalupe liegt im gleichnamigen Ort in den Bergen der Sierra de Villuercas, etwa 130 Kilometer östlich von Cáceres. Es wurde im 14. Jahrhundert gegründet, beherbergt eine der wichtigsten Marienstatuen Spaniens und wurde lange Zeit von Mönchen des Hieronymitenordens bewirtschaftet. Heute führen Franziskaner das Kloster weiter.

Der Ort selbst hat unter 2.000 Einwohner. Das Kloster überragt die Häuser so vollständig, dass es wie eine Festung wirkt, die irgendwann beschlossen hat, auch als Kirche zu funktionieren. Die umliegenden Berge sind bewaldet, still und für Wanderungen gut erschlossen. Wer an einem Wochentag außerhalb der Hauptsaison dort ankommt, hat den Platz vor dem Kloster unter Umständen für sich allein.

  • Beste Reisezeit: April bis Juni und September bis Oktober, um der Sommerhitze auszuweichen
  • Anreise: Flug nach Madrid oder Lissabon, dann Mietwagen empfohlen, da der öffentliche Nahverkehr in der Fläche dünn ist
  • Unterkunft: In Mérida und Cáceres gibt es Hotels aller Kategorien; in kleineren Orten oft nur lokale Pensionen mit begrenzter Onlinepräsenz
  • Sprache: Englisch wird außerhalb der Touristenzentren kaum gesprochen, einfaches Spanisch ist hier echter Vorteil

Die Extremadura ist keine Region für Menschen, die Urlaub als Erlebnisfolge verstehen. Sie ist eine Region für Menschen, die bereit sind, langsam zu schauen. Was sie dafür zurückbekommt, sind Landschaften, die sich nicht verbiegen, Städte, die ihre Brüche nicht verstecken, und eine Geschichte, die nicht aufgehört hat, sichtbar zu sein.

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