Jugendliche im Ehrenamt: Wie Engagement prägt

Florian ist 17, geht in die elfte Klasse und verbringt jeden zweiten Samstag in der Kleiderkammer eines Diakonievereins in Hannover. Taschen sortieren, Spenden annehmen, Beratungsgespräche begleiten. Bezahlt wird er dafür nicht. Trotzdem kommt er wieder. „Ich merke, dass ich gebraucht werde“, sagt er. „Das gibt es im Schulalltag selten so direkt.“

Florian ist kein Einzelfall. Laut der Deutschen Jugendstudie 2023 engagieren sich etwa 34 Prozent der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland regelmäßig ehrenamtlich. Das entspricht rund 2,5 Millionen jungen Menschen. Sie trainieren Fußballnachwuchs, koordinieren Nachbarschaftshilfe, pflegen Social-Media-Kanäle von Umweltinitiativen oder sitzen in Jugendfeuerwehren. Die Bandbreite ist groß, die Motivationen sind es auch.

Was Jugendliche ins Ehrenamt zieht

Das Klischee, wonach Jugendliche vor allem durch elterlichen Druck oder Lebensläufe ins Ehrenamt stolpern, greift zu kurz. Studien des Deutschen Jugendinstituts zeigen, dass intrinsische Motivation deutlich häufiger der Auslöser ist als strategisches Kalkül. Freunde, die bereits aktiv sind, bilden den häufigsten Einstiegsweg. Fast 60 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, durch ihr soziales Umfeld auf ein Engagement aufmerksam geworden zu sein.

Daneben spielt das Bedürfnis nach Zugehörigkeit eine zentrale Rolle. Ehrenamtliche Strukturen bieten etwas, das Schule und Familie selten in dieser Form leisten: Ein Miteinander auf Augenhöhe, das über Generationen und Milieus hinausgeht. Wer mit 16 Jahren in einem Verein Verantwortung übernimmt, erfährt unmittelbar, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Handeln Konsequenzen hat.

Kompetenzen, die kein Lehrplan vermittelt

Der Wert des Ehrenamts für die persönliche Entwicklung lässt sich nicht auf einen einzigen Punkt reduzieren. Es ist die Summe vieler kleiner Erfahrungen, die mit der Zeit ein Bild formen. Wer regelmäßig im Ehrenamt aktiv ist, trainiert unter anderem:

  • Konfliktmanagement im Umgang mit heterogenen Gruppen und unterschiedlichen Interessen
  • Organisationsfähigkeit beim Planen von Veranstaltungen, Schichten oder Projekten
  • Kommunikation in Situationen, die keine vorbereiteten Aufgaben kennen
  • Empathie durch direkten Kontakt mit Menschen in schwierigen Lebenslagen
  • Selbstwirksamkeit, also das Erleben, dass das eigene Tun etwas verändert

Gerade der letzte Punkt wird in der Entwicklungspsychologie seit Jahren als entscheidend für die Persönlichkeitsbildung diskutiert. Jugendliche, die früh Selbstwirksamkeit erfahren, zeigen in Längsschnittstudien eine höhere Resilienz, eine stabilere Identität und ein ausgeprägteres Verantwortungsbewusstsein im Erwachsenenleben.

Wo Jugendliche Orientierung und Anschluss finden

Der Einstieg ist oft die größte Hürde. Wer nicht in einem Sportverein aufgewachsen ist oder keine Familie hat, die ehrenamtliche Strukturen kennt, findet den Weg ins Engagement häufig nicht allein. Genau hier liegt ein strukturelles Problem: Ehrenamtliche Kulturen reproduzieren sich oft in bestimmten sozialen Schichten und Netzwerken.

Digitale Plattformen versuchen, diese Lücke zu schließen. Eine gute Anlaufstelle für junge Menschen ist zum Beispiel die Seite für die Jugend, die Themen rund um Engagement, Bildung und gesellschaftliche Teilhabe bündelt und niedrigschwellig aufbereitet. Darüber hinaus bieten Plattformen wie „Ich will helfen“ oder das Bundesfreiwilligendienstportal konkrete Suchmöglichkeiten nach Einsatzort, Zeitaufwand und Interessensfeld.

Auch Schulen spielen eine zunehmend aktive Rolle. Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben in den vergangenen Jahren Rahmenkonzepte entwickelt, die ehrenamtliches Engagement als Teil der schulischen Berufsorientierung anerkennen. In Bayern kann ein Ehrenamtsnachweis seit 2018 offiziell ins Abschlusszeugnis aufgenommen werden.

Grenzen und Belastungen ehrlich benennen

Ehrenamt ist kein Selbstläufer. Und es wäre unehrlich, nur die positiven Seiten zu beleuchten. Ein nicht unerheblicher Anteil junger Ehrenamtlicher bricht sein Engagement innerhalb der ersten zwei Jahre ab. Die häufigsten Gründe laut einer Umfrage des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement aus dem Jahr 2022:

  • Zu hoher Zeitdruck durch Schule, Ausbildung oder Studium
  • Fehlende Anerkennung durch die Organisation oder deren Hauptamtliche
  • Unklare Aufgabenverteilung und mangelhafte Einarbeitung
  • Gefühl, ausgenutzt zu werden statt echte Verantwortung zu tragen

Organisationen, die mit jugendlichen Ehrenamtlichen arbeiten, tragen eine Mitverantwortung dafür, dass das Engagement nachhaltig funktioniert. Verlässliche Ansprechpartner, klare Erwartungen und ein echter Spielraum für eigene Ideen sind keine Wohlfühl-Extras, sondern Grundvoraussetzungen dafür, dass junge Menschen langfristig dabei bleiben.

Ein Blick auf Zahlen und Struktur

Bereich Anteil jugendl. Ehrenamtlicher
Sport und Bewegung ca. 38 %
Kirche und Religion ca. 15 %
Soziales und Wohlfahrt ca. 13 %
Umwelt und Naturschutz ca. 10 %
Kultur und Musik ca. 9 %

Quelle: Freiwilligensurvey 2021, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Zahlen machen deutlich: Sport ist nach wie vor das wichtigste Einstiegsfeld. Gleichzeitig wachsen Umwelt- und Klimaengagement spürbar, besonders seit 2019.

Was bleibt

Florian aus Hannover plant, sein Engagement nach dem Abitur weiterzuführen. Vielleicht im Freiwilligen Sozialen Jahr, vielleicht in anderer Form. Was er mitnimmt, ist schwer in einem Satz zu fassen. „Ich kenne jetzt Menschen, die ich sonst nie kennenlernen würde“, sagt er. „Das klingt banal, aber es verändert, wie man die Welt sieht.“

Genau darin liegt die eigentliche Leistung des Ehrenamts für Jugendliche. Nicht in Zertifikaten oder Bewerbungsvorteilen, auch wenn beides eine Rolle spielt. Sondern darin, dass junge Menschen in einer Lebensphase, in der vieles offen und unsicher ist, echte Handlungserfahrungen sammeln, die sie formen. Gesellschaften, die das strukturell fördern statt es dem Zufall zu überlassen, investieren in etwas, das sich nicht sofort messen lässt, aber langfristig wirkt.

Mehr zum Thema "Soziales"